Diana Näcke & Kathrin Krottenthaler

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JOSEPHINE BAKER IN SCHWEDT
Dokumentarfilm von Kathrin Krottenthaler und Diana Näcke
DV, Farbe und s/w, 68 Minuten.

“Unsere Träume können wir erst dann verwirklichen,
wenn wir uns entschliessen, einmal daraus zu erwachen.”

Dann ist Schwedt also nichts anderes als das, was ein aus einem Traum erwachter Ideologe geschaffen hat? Schliesslich gehörte Schwedt zu den vier Projekten neuer “sozialistischer” Städte. Der Traum von einer sozialistischen Stadt ging mit dem Traum einher, das sozialistische Gesellschaftsmodell auch auf den Städtebau übertragen zu können. Die Idealstadt beruht auf den Prinzipien der städtebaulichen Moderne, die mit allen städtebaulichen Traditionen radikal brechen wollte. Die Idealstadt in der DDR war Industrie- und Wohnstadt zugleich, wo das private Grundeigentum abgeschafft und die Existenz von „armen“ und „reichen“ Stadtteilen überwunden werden sollte.
Der Traum vom sozialistischen Fortschritt war für Walter Ulbricht Wirklichkeit geworden, als er 1963 die längste Rohrleitung der Welt im Petrolchemischen Kombinat (PCK) in Schwedt eröffnete. Zu diesem Zeitpunkt wurde Schwedt die “Stadt der Jugend” genannt, (das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren). Viele junge Arbeiter, die damals nach Schwedt gekommen waren, träumten von einer Chance auf ein besseres Leben. So stieg die Einwohnerzahl der Stadt Schwedt von knapp 7000 (1960) auf über 50.000 (1989) Menschen an.
Seit der politischen Wende hat Schwedt ein knappes Drittel seiner Einwohner verloren. Das PCK gibt es noch immer. Als GmbH zählt es heute zu den größten Arbeitgebern der Region. Trotzdem sind 22 Prozent der Einwohner arbeitslos.
Das derzeitige Durchschnittsalter der Schwedter Bevölkerung liegt bei 44 Jahren und soll laut Berechnungen im Jahre 2015 bei 49 Jahren angekommen sein. Die Stadt der Jugend ist zu einer Stadt der Alten geworden. Ein folgerichtiger Prozess, den die Schwedter im Zeitraffer erleben mußten. Die damit verbundene Abwanderung hat zu einem immensen Wohnungs-Leerstand geführt, so dass ganze Hochhaus-Straßenzeilen der alten Idealstadt abgerissen werden mussten. Der Rückbau hält noch immer an. Dem Schrumpfungsprozess wird mit einer angepassten Stadtentwicklungskonzeption Rechnung getragen, die weitestgehend von der Bevölkerung als etwas Positives angenommen wird.
Schwedt ist heute eine ganz andere, mit vielen Problemen beladene Stadt: vernarbt, traurig, aber auch stolz. Schwedt ist eine Stadt, die sich kämpferisch gibt und die trotz vieler Probleme auch ihre eigene Schönheit hat.
Doch aus wessen Traum ist das heutige Schwedt erwacht? Sicher aus keinem kollektiven Traum - den hat es so nie gegeben. Die Menschen hier haben keine Visionen mehr, aber sie haben das Träumen nicht aufgegeben. Diese filmische Dokumentation ist Träumen in dieser Stadt begegnet, die konserviert wurden, verschwunden sind, die andere beeinflussen, die etwas bewegen und die frei im Raum schweben…. Und von dem Spruch über das Träumen als auch von dem Film mag jeder halten, was er will.
Der Film klärt allerdings auf jeden Fall, was Josephine Baker mit Schwedt zu tun hat: Josephine Bakers Spruch über das Verwirklichen von Träumen hängt in der Schwedter Einkaufsmeile “Oder-Center”. Und als Inbild der Moderne hat Josephine Baker kein leichtes Leben gelebt, ihr Aufruf zum Verwirklichen der eigenen Träume beruht auf diesem Fakt.

Dieser Film entstand im Rahmen des Projektes “ROLLENDE ROAD-SCHAU SCHWEDT 2006“
der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.